Cäsar hat nie gelebt – oder haben Sie ihn gesehen?

21 Dez

Wenn wir Donald Trump wählen, ohne das faktische Fundament zu kennen; wenn ich von einem Sportwagen so fasziniert bin, dass ich ihn kaufe, obwohl ich nicht in der Lage bin die erste Tankfüllung zu bezahlen – dann ist das postfaktisch.

Nur was ich selbst gesehen und überprüft habe, ist für mich Fakt - alles andere kann ich glauben - oder auch nicht.
Nur was ich selbst gesehen und überprüft habe, ist für mich Fakt – alles andere kann ich glauben – oder auch nicht.

 

Kindliche Naivität

Mit elf Jahren habe ich meinen Freunden von meiner Entscheidung berichtet, dass ich Industrie Designer werde. Ich hatte bereits durch gewonnene Wettbewerbe und eigene Projekte ein sehr gutes Gespür für meine Fähigkeiten und habe mir zugetraut, in diesem Beruf  besonders gut zu werden. Die Eltern meiner Freunde waren sehr verwundert und haben meinen Berufswunsch mit kindlicher Naivität erklärt: „Als Designer muss man kreativ sein. Was machst Du dann, wenn Du erst mal 40 Jahre alt bist?“ Oder „Kann man davon leben? Als Künstler verdient man doch nichts!“
Das ist postfaktisches Denken.

Intuitives Verhalten

Diese scheinbaren Fakten sind lediglich ängstliche Behauptungen und Annahmen, die als Fakten „verkauft“ werden. Der eigentliche Antrieb dieser engen Denkweise ist pure Emotion. Es ist gesellschaftsfähiger, Fakten und Zahlen zu erfinden, als den eigenen Gefühlen zu folgen und der persönlichen Intuition zu vertrauen. Es handelt sich bei Intuition um eine Ansammlung von Informationen, Beobachtungen und Erfahrungen, die im Unterbewusstsein gespeichert sind, über das Bauchgefühl zu Tage befördert werden können und die der Betroffene nicht erklären kann.

Fremdbestimmung

Um das Gesicht nicht zu verlieren, sammeln wir im Nachhinein Zahlen und Fakten, um unsere Intuition vor uns selbst und anderen zu rechtfertigen. Dieses ernsthafte Gesellschaftsspiel der Erklärbarkeit traut den Fakten Fremder mehr als sich selbst. Denn die Fakten sind oft von uns selbst nicht überprüft und werden blind übernommen. Was nicht messbar ist, überzeugt uns nicht, existiert nicht, ist wertlos.

Gefälschte Daten und Fakten

Haben Sie schon einmal  nachgemessen, wie viel Volumen Inhalt Ihr Kofferraum hat oder wieviel CO2-Ausstoss Ihre Heizung in der Gesamtbilanz hat? Wir entnehmen die Informationen den „gefälschten“ Datenblättern. Wenn ein Staubsauger unsere Krümel absaugt, ist das für uns kein Kaufargument. Uns überzeugt die Leistungsangabe von 1200 Watt – dabei  wissen wir nur selten, dass der Sauger tatsächlich nur 1000 Watt leistet. Das ist nämlich die erlaubte Toleranz der Industrie.

Eigenverantwortung

Auch den Nachrichteninhalt der Medien haben wir nicht mit eigenen Augen gesehen und nicht geprüft und übernehmen dennoch diese Behauptungen in unser persönliches Meinungsbild. Kaufen wir aber den Kühlschrank, weil er uns im Gebrauch überzeugt und scheren uns nicht um die technischen Daten, dann ist das in den Augen der Öffentlichkeit postfaktisch. Die selbst geprüften Fakten sind lediglich die Plattform einer Entscheidung und sind bei mir persönlich niemals kaufentscheidend.

Das Projekt stinkt

Wenn ich den Eindruck gewinne, dass an einem Projekt etwas faul ist, dann lasse ich die Finger davon. Da scheren mich die sogenannten Fakten einen Dreck.

Postfaktisch

Das Wort des Jahres ist ein Spiegel der Gesellschaft. Es will uns klar machen, dass wir unserem eigenen Gefühl nicht trauen sollen. Ob eine Entscheidung gut oder schlecht ist, erkenne ich oft erst Jahre später. Und ich habe festgestellt, dass die Fakten ein hilfreicher Unterbau sind – die abschließende Entscheidung selbst treffe ich sorgfältig, aber immer intuitiv. Denn wenn sie sich als falsch erweist, hilft mir kein überzeugendes Datenblatt und keine mediale Falschmeldung. Die Verantwortung dafür übernehme ich selbst. Und damit geht es mir seit 60 Jahren ausgezeichnet.

 

Jürgen R. Schmid

Design Tech

www.designtech.eu

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