Der Autopilot – ein miserabler Ratgeber bei Innovationen

16 Dez

Die meiste Zeit des Tages befinden wir uns im Autopilot-Modus. Wir nehmen uns kaum Zeit zu reflektieren, sondern bedienen uns bewährter Verhaltensmuster. Das ist oberflächlich und kurzfristig betrachtet durchaus sinnvoll. Wer aber für revolutionäre, innovative Lösungen brennt, schafft das nur durch einen bewussten Modus-Wechsel.

Autopilot Routine - Design Tech
Der Alltag zwingt uns oft in den Autopilot-Modus, aber er taugt nur für Routinearbeit

 

Das Risiko der Risikolosigkeit!

Im Autopilot-Modus überstehen wir jede Besprechung und jedes Telefonat ohne uns zu blamieren. Dann läuft es so, wie es immer läuft: vollkommen berechenbar.

Die erzielten Ergebnisse fallen dann auch nicht weiter auf; weder negativ noch positiv, weder anderen noch uns selbst. Auch unsere Gedanken und Ideen können wir in diesem Modus in den gewohnten Rahmen pressen – jeden Monat, jedes Jahr, im Laufe unseres gesamten Privat- und Geschäftslebens.

Angenehm an dieser Lebensstrategie finde ich einzig, dass sie berechenbare und altbekannte Ergebnisse erzielt.

Der Alltagstrott gräbt tiefe Spurrillen

Eine solche Lebensstrategie bringt keinerlei Überraschungen, aber auch keine Entwicklung hervor. Und auch Misserfolge lassen sich wunderbar schönreden, vor allem sich selbst gegenüber. Mit dem Autopiloten unterwegs zu sein bedeutet, keine nennenswerte Eigenverantwortung zu haben. Da er sich bewährt hat und allgemein anerkannte Standpunkte verstärkt, vertrauen wir ihm blind. Ein auf diese Art gelebtes Leben zeigt sich allerdings äußerst unspektakulär, bequem – und sterbenslangweilig. Das schlimmste allerdings ist die ausbleibende Weiterentwicklung.

Unser Reptiliengehirn und die drei Überlebensstrategien

Auch in einer unerwarteten Drucksituation denken und handeln wir so, wie wir es immer getan haben. Unser Reptilienhirn wird aktiv. Die Geschichte unserer Spezies zeigt, dass unser konditioniertes Hirn schon seit Jahrtausenden wie folgt arbeitet: Es erkennt flugs eine prekäre Situation und alarmiert uns. Nach der Schrecksekunde und ohne bewusstes Nachdenken entscheiden wir uns für eine der drei Überlebensstrategien: Angriff, Flucht oder tot stellen.

Auch herausfordernde Ideen aktivieren Überlebensinstinkte

Vor einigen Jahren erlebte ich bei einem Geschäftstermin etwas, das mich nachdenklich stimmte. Die Teilnehmer stießen direkt von ihrem Tagesgeschäft, anderen Besprechungen oder von einer Geschäftsreise zu uns. Es ging um eine Industrial Design Entscheidung für ein Maschinenprojekt. Wir hatten dem Kunden drei Designideen vorgelegt, um nun den Favoriten zu ermitteln.  Allerdings waren alle drei Ideen auf ihre Art herausfordernd.

Designgeschenke – nicht immer wie Weihnachten

Wie es sich heraus stellte, hatte sich keiner der Teilnehmer auf eine anspruchsvolle Diskussion vorbereitet. Designbesprechungen werden sowieso eher als Unterhaltung betrachtet. Manchmal mutet es sogar ein bisschen wie Weihnachten an: Die Industrial Designer bringen Geschenke, der Kunde darf nun auspacken und freut sich über die Ergebnisse. Bestenfalls. Hier aber waren unsere Designgeschenke für die Teilnehmer eine Provokation. Und das, obwohl die Vorschläge exakt die anspruchsvolle unternehmerische Zielsetzung unterstützten. Es waren Vorschläge, die den Erfolg des Kunden im Fokus hatten, und nicht nur die Erfüllung der Standard-Attribute des Produkts wie ‚attraktiv‘, ‚funktional‘ und ‚kostengerecht‚.

Nach dieser Besprechung war jedenfalls klar erkennbar, dass die Umsetzung bis zum Serienprodukt für alle Beteiligten noch ein steiniger Weg war…

Drei Reaktionen. Ein Resultat.

Was genau war passiert? Jeder Teilnehmer unseres Meetings hatte umgehend seinen Autopiloten aktiviert. Das Ergebnis: Die eine Gruppe stellte sich tot, frei nach dem Motto: „Wir tun so, als wären wir nicht anwesend.“ Die zweite Gruppe ergriff die Flucht: „Wir müssen uns leider zu einer anderen Besprechung aufmachen!“ Die dritte Gruppe entschied sich für den Angriff: „Das ist technisch nicht machbar!“, „Das haben wir noch nie gemacht!“, „Von einem Profi hätten wir mehr Machbarkeit erwartet“ oder sogar „Sie haben uns vollkommen falsch verstanden“.

Was lernen wir daraus?

Teilnehmer vorbereiten: Es ist enorm wichtig, die Teilnehmer im Vorfeld abzuholen.

Nur dann können wir gemeinsam aus dem Autopilot-Modus in den Innovations-Modus wechseln.

Große Ziele brauchen große Gedanken – und beides können Autopilot und Reptilienhirn nicht liefern. Große Gedanken erfordern im Vorfeld eine geistig tiefgreifende Auseinandersetzung und eine ungewohnte innere Bereitschaft, unbekannte Wege zu gehen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es komplett sinnlos ist, schnell durch eine Besprechung zu galoppieren. Wenn Sie für eine umfassende Vorbereitung keine Zeit haben, dann gehen Sie einfach nicht hin. Sonst könnten Sie mehr zerstören, als dass Sie für das Projekt und Unternehmen nützlich sind.

Betrachterabstand bestimmen: Ich achte nun immer darauf, dass mein Betrachterabstand präzise gewählt ist. Große Entscheidungen brauchen einen großen Betrachterabstand; tief schürfende Entscheidungen einen eher geringen. Wobei der Virtuose den Betrachterabstand nach Belieben und Bedarf variieren kann.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg beim Wechsel vom Autopilot-Modus zum Innovations-Modus.

 

Jürgen R. Schmid

Design Tech

www.designtech.eu

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