Industrie 4.0 aus meinem persönlichen Blickwinkel

17 Jun

Seit die Bundesregierung das Zukunftsprojekt Industrie 4.0 als Initiative für die deutsche Wirtschaft und im Besonderen für den deutschen Maschinenbau ausgegeben hat, beschäftigt sich wohl jedes führende Unternehmen mit der Frage, was dieser neue Begriff genau bedeutet. Er wurde im Oktober 2011 im Rahmen der Hannover Messe erstmals in die Öffentlichkeit getragen und sorgt noch immer für reichlich Wirbel.

Maschinencloud

In den letzten drei Jahren habe ich mich zu diesem Thema in vielen Foren bewegt, diverse Gespräche mit Unternehmern geführt und zahlreiche Beiträge darüber in der Wirtschaftspresse gelesen und auch selbst geschrieben. Zum Schlagwort ‚Industrie 4.0‘ sehe ich nun drei Wolken am Diskussionshimmel aufsteigen:

1. Industrie 4.0 ist ein Bild für die sogenannte “intelligente Fabrik”

Dazu braucht es eine anspruchsvolle Automatisierung und somit die Vernetzung von technischen Komponenten und Anlagen, um die Flexibilität in der Produktion und die Produktivität im Allgemeinen zu verbessern.

2. Wir setzen Industrie 4.0 bereits um

Aktivitäten wie die Fernwartung, die bereits seit 20 Jahren in der Anwendung sind, werden als Industrie 4.0 verkauft, um zu zeigen, dass man zu den auf die Zukunft ausgerichteten Unternehmen gehört. Von diesem “So-tun-als-ob-Virus” sind besonders große Unternehmen betroffen.

3. Industrie 4.0 ist eine Worthülse, die noch mit Inhalt gefüllt werden muss.

Hier sehe ich bereits Fortschritte in den Gesprächen. Besonders zukunftsweisend denkende Unternehmer wissen längst, dass diese Initiative zwar politisch getrieben ist, aber gleichzeitig eine großartige Chance für die Wirtschaft und die einzelnen Unternehmen darstellen kann. Die deutschen und deutschsprachigen Firmen müssten sich dazu auf einen Überbegriff für einen zukunftsfähigen, internationalen Wettbewerbsvorteil einigen und sich mit fester Überzeugung inhaltlich zusammenraufen und gemeinsam an einem Strang ziehen. So könnten sie übereinstimmend den Vorsprung und die Zukunft des deutschen Maschinenbaus sichern und sogar ausbauen.

Aus den Gesprächen höre ich eindeutig heraus, dass sich die Themen innerhalb des Begriffs ‚Industrie 4.0‘ in erster Linie um technische Inhalte drehen. Das kann ich gut verstehen, zumal der Schlachtruf von Industrie 4.0 “smart factory” lautet.

Ein Kreativ-Workshop gab mir einen Vorgeschmack von Industrie 4.0

Bereits Anfang 2011 haben wir uns mit der Maschine der Zukunft intensiv beschäftigt. Unser Ziel war es, mit Experten aus der Industrie eine Vorstellung zu entwickeln, wie sich der Maschinenbau bis 2020 weiter entwickeln könnte. Damals hat Design Tech in Kooperation mit dem Landesnetzwerk Mechatronic und Vertretern aus der Industrie wie Festo, ARADEX, KBA-MetalPrint und MAG das Projekt „Maschine 2020“ ins Leben gerufen und dazu einen Kreativworkshop organisiert, moderiert und durchgeführt. Dabei haben wir alle denkbaren Einflussbereiche betrachtet und in die Konzeptüberlegungen einbezogen: Von der Materialität, Ökologie, Technologie und Energie bis hin zur Kultur.

Was hat Religion mit dem internationalen Wettbewerb zu tun?

Bereits in den ersten Minuten unseres Zusammentreffens kamen kontroverse Beiträge und Bemerkungen der bald schon irritierten Teilnehmer auf. Jeder kam mit unterschiedlichen Erwartungen geradewegs aus seinem Arbeitsalltag, wo jeder in seinem Unternehmen mit ungleichen Funktionen und Aufgabenbereichen betraut war, in eine völlig verrückte Workshop-Situation. Doch damit nicht genug. Hier wollten wir alle zukünftig relevanten Aspekte in Bezug auf Maschinen betrachten. Herr Friedrich Kilian, ein Workshop-Teilnehmer,  ehemals Vorstand bei Trumpf und heute hoch angesehener Berater für den Maschinenbau, stellte mir die Frage: “Was wollen wir eigentlich alles betrachten, Herr Schmid?” Ich antwortete ihm: “ALLES, Herr Kilian”. Er konterte erstaunt: “Auch Religion? – Das ist eine gute Ergänzung!“ So vervollständigte ich unsere erste Begriffssammlung um das Wort “Religion”.

Kritische Köpfe kreierten ein Innovationsprojekt

Im internationalen Wettbewerb wissen wir jetzt noch nicht, ob irgendwann auch solche Blickwinkel relevant sein werden. Daher macht es Sinn, selbst vermeintlich abwegige Aspekte in unseren kreativen Prozess einzubeziehen. Doch zum Zeitpunkt des Workshop-Beginns sah das nicht jeder so. Ein hoch angesehener Experte und Teilnehmer zeigte bald schon seinen Unmut: “Ich bin eigentlich gekommen, weil es um Maschinendesign gehen soll”. Dieser holprige Start in ein wichtiges Kreativ-Meeting hat mich für einige Sekunden verunsichert. Bald schon war mir aber klar, dass gerade dieses Team mit seinen kritischen Köpfen ein herausragendes Gremium war, um in den nächsten Stunden etwas ganz besonderes zu schaffen. Das Ergebnis des Workshops sollte mir recht geben und die Resonanz von Presse, Industrie und Politik hat unser Projekt geadelt. Mit dem Konzept „Maschine 2020“ gelang uns das ganzheitliche Zusammenführen zukünftig relevanter Aspekte im Maschinenbau und deren konsequente Anwendung.

Homogene Gruppen für die Tiefe, heterogene für die Weite einer Aufgabe

Ein weiterer, vielleicht der bedeutendste Aspekt dieses Tages war für mich das folgende Aha-Erlebnis: Zum damaligen Zeitpunkt war der Begriff ‚Industrie 4.0‘ noch nicht geläufig. Auch bei den Vorbereitungen zum Kreativ-Workshop wurde dieser Begriff nicht einmal genannt. Dennoch hatten wir aus Erfahrung bei der Auswahl der Teilnehmer auf eine heterogene Gruppe geachtet, angefangen von Entwicklern, Unternehmern, Automatisierungsexperten und Elektronikspezialisten bis hin zu Energieberatern. Aus über 100 Kreativmeetings und jahrzehntelanger Expertise mit unserem DenkTeam wissen wir: Mit homogenen Gruppen arbeiten wir in die Tiefe einer Aufgabenstellung, mit heterogenen in die Weite.

Know-how mit Köpfen vernetzen

Gerade heterogene Gruppen von Fachexperten sind besonders geeignet, um grundlegend neue Ideen zu entwickeln. Aber eine solche Zusammensetzung birgt auch Zündstoff. Es braucht ein großes Einfühlungsvermögen des Moderators und den richtigen Methodenmix, um diverse Fachrichtungen, das unterschiedliche Wissen sowie die Erfahrungen und Ansichten der einzelnen Persönlichkeiten zusammenzubringen, damit ein sinnvolles Neues geschaffen wird. Technik zu vernetzen ist sicher immer eine besondere Herausforderung für unsere international gefragten Ingenieure. Extern verfügbares Know-how mit Menschen – mit Köpfen – zu vernetzen ist ungleich schwieriger. Bisher beobachte ich dies in meinem Arbeitsumfeld überhaupt nicht. Aber gerade in partnerschaftlichen und vertrauensvollen Kooperationen sehe ich die chancenreiche Zukunft für das Projekt Industrie 4.0.                                      www.maschine2020.com

 

Ihr Jürgen R. Schmid

 

 

Ammerbuch Nähe Stuttgart

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